Dialogseminar mit Freiwilligendienstleistenden des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Mecklenburg-Vorpommern

Wenn mich jemand fragt, was bis jetzt meine schönste Veranstaltung war: Diese hier! 

Es ist schon einige Zeit her, als Christian vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Mecklenburg-Vorpommern den Kontakt zu mir suchte. In einem der FSJ-Seminare wurde über die Letzte Generation diskutiert, ein Teilnehmer sagte etwas wie: “Man sollte diese ganzen Klimakleber überfahren!” Christian wollte das nicht so stehen lassen und hatte die Idee, einfach jemanden von der Letzten Generation einzuladen. Er wollte den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich mit polarisierenden Themen und damit gleichzeitig auch mit gesellschaftlichen Themen ganz allgemein auseinanderzusetzen. Aber eben nicht, indem ihnen Dialog, Empathie und Aushandlung im Frontalunterricht gelehrt werden und dabei nur leere Worthülsen bleiben, sondern indem sie selbst in den persönlichen Austausch gehen. 

Und so saß ich Anfang 2024 vor ca. 30 Jugendlichen, die gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolvierten. Das Setting: Eine Pressekonferenz und anschließend ein Interview für einen Podcast. Der Podcast von damals ist unter diesem Link zu finden: https://medienanstalt-mv.de/mediathek/play/53323-die-letzte-generation-wirklich-nur-klimakleber.html. Der Podcast in Kooperation mit der Landesmedienanstalt erreichte später den 3. Platz beim Jugendmedienfest 2024.

Gestern saß ich nun wieder bei einer Pressekonferenz, neben mir – sehr glaubwürdig aber frei erfunden – Pressesprecher und Faktenchecker Christian, Erkner-Bürgerin Melanie alias Ich bin dagegen und Christos Safiris. Christian stellte mich vor, danach erzählte ich meine Geschichte, während hinter mir eine Diashow mit ein paar Bildern durchlief, die ich aus den letzten Jahren mitgebracht hatte. Ich erzählte von der Ausbildung bei der Bundespolizei, meiner ersten Verwendung am Flughafen, dem Einsatz an der süddeutschen Grenze bei Streifen mit Italien und Österreich und am Münchener Hauptbahnhof 2015 als dort zehntausende Geflüchtete ankamen. Ich erzählte von Wendepunkten, die es immer wieder in meinem Leben gab, von der “Seehofer-Abschiebung”, die ich 2018 mit organisierte, von Geflüchteten, die der weißrussische Machthaber Lukaschenko durch die polnischen Wälder nach Europa schickte, um gegen wirtschaftliche Sanktionen Druck auf die EU auszuüben. Von Müttern, die suizidgefährdet in Kliniken eingeliefert wurden, während der Vater mit sechs Kindern nach Schweden überstellt wurde. Ich erzählte von meiner Zeit bei der Letzten Generation, von meinem Disziplinarverfahren und dass ich mich nun mit einer Klage gegen die Entscheidung in dem Verfahren wehre. Ich erzählte, wie oft meine moralischen Vorstellungen von Sicherheit und Gerechtigkeit durch die Realität herausgefordert wurden. 

Mich hat nachhaltig beeindruckt, wie interessiert die Jugendlichen sich mit meiner Geschichte auseinandersetzten, wie viele Fragen sie stellten, und nicht lediglich diese, die sie am Vortag innerhalb des Seminars erarbeitet hatten. Chiara, wie haben Kolleg*innen auf Dein Engagement reagiert? Wurdest Du vom Dienst suspendiert? Welche Rolle nimmt ein Verein wie BetterPolice innerhalb der Gesellschaft ein und ist Gregor Gysi nett? 

Auch in den Pausen setzten wir unsere Gespräche fort, das Wetter war fantastisch! Ein wenig überrascht hat mich, wie selbstverständlich es für die Jugendlichen – viele von ihnen noch nicht volljährig – war, dass sie in vielen Belangen zu ihren eigenen Lebensumständen wenig Wahl, kaum Möglichkeit der Mitbestimmung haben. Marius (Name geändert) meinte, vor 18 müsste man nicht wählen dürfen, sie hätten doch zu wenig Ahnung von politischen Inhalten. Aber Marius, eigentlich hast Du doch die größte Ahnung von Deinem Leben, viel mehr ist doch nicht selbstverständlich, dass Du zu wenig danach gefragt wirst. Die Aufgabe der Politik ist doch, sich um die Belange der Bürgerinnen und Bürger zu kümmern.

Martin (Name geändert) hatte eine Frage nach der nächsten, er kritisierte mich wohlwollend und nicht immer wurden wir uns einig. Genau darin liegt aber unsere Einigkeit, denn unsere Gesellschaft muss Ambivalenzen wie diese aushalten können. Das tut nicht weh! Martin erzählt mir auch, dass die Freiwilligen ein Sprecher*innensystem haben, welches bundesweit agiert und in dem die Freiwilligen versuchen, ihre Wünsche und Bedingungen politisch durchzusetzen. 

Mit Nele (Name geändert) sprach ich darüber, wie angesagt es gerade unter Jugendlichen ist, rechts zu sein. Warum ist das so? Diese Frage konnten wir uns nicht abschließend beantworten, groß angelegte Rekrutierungsaktionen über Tiktok oder das Gefühl von Gemeinschaft müssen ihren Teil wohl dazu beitragen, denn die tatsächlichen Inhalte dieser Parteien und Organisationen scheinen es nicht zu sein, stellte Nele fest. 

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass diese Art des zwischenmenschlichen Dialogs kein Zufallsprodukt bleibt. Immerhin gibt es nicht überall einen Christian. Und was es noch viel weniger gibt, ist Zeit und Raum für den Austausch in unseren oft viel zu stressigen Alltagsroutinen, in Systemen, die Jugendlichen beibringen, dass sie nichts beizutragen haben. Für die Möglichkeit, gemeinsame Lösungen für Probleme zu finden – die Klimakatastrophe, fehlende Gleichberechtigung, die Bildungskrise usw.

Marius, Nele, Martin und alle anderen – wir haben gestern etwas ganz Besonderes geschafft! Ein riesiges Dankeschön für Eure Zeit und Euer Interesse, für die Einladung zum Tischtennisspielen und zum Perfekten Dinner! Politiker*innen und (Polizei-)Behördenleiter*innen sollten sich an Christian und Euch ein Beispiel nehmen, das möchte ich Euch von ganzem Herzen sagen!